Stille - Fluch oder Segen? (eine Meinung)
15. Januar 2026
Was verbinden wir mit Stille? Aus Neugier habe ich das einfach mal meinen Bekanntenkreis gefragt. Die Antworten waren nicht sonderlich überraschend und doch vielsagend: “Nacht”, “Ruhe”, “Pause”, “Schweigen” - und auch ein “Oh Gott” war dabei, aber dazu komme ich später.
Die meisten denken bei Stille an Passivität, Nichtstun, Alleinsein – vielleicht an Meditation oder sogar an Schweigeretreats oder -gelübde. Woher kommt das? Meine Vermutung: von der Art und Weise, wie unsere Welt heute tickt.; zumindest die Welt, in der ich mich bewege. Immer und überall wimmelt es von Geräuschen: Straßenverkehr, Baustellenlärm, plappernde Kollegen. Und wenn da mal nichts ungewollt auf uns einprasselt, legen wir selbst auf: Musik im Auto oder auf den Kopfhörern, der Podcast beim Joggen, YouTube beim Bügeln. Ruhig wird es erst, wenn die Nacht hereinbricht (wobei auch hier auf auditive Einschlafhilfen zurückgegriffen wird), die Blase uns nach dem fünften Kaffee aufs Klo zwingt oder Zeit im (wahrscheinlich nicht) leeren Wartezimmer ausgehalten werden muss. Kein Wunder also, dass Stille häufig eher negativ betrachtet wird. Sie wird uns eher auferlegt als selbstgewählt und ist oft verbunden mit Leerlauf. Und das wiederum steht im vermeintlichen Kontrast zu unserer Hustle-&-Grind-Gesellschaft.
Dabei wünschen sich viele Momente der Stille - die Eltern, die ständig mitteilungsbedürftige Kinder um sich haben; die Projektmanagerin, die den ganzen Tag durch Meetings führt; der Servicemitarbeiter, der den ganzen Tag am Telefon hängt. Ist sie dann aber da, sieht es auf einmal ganz anders aus. Stille ist für viele so eine Seltenheit geworden, dass sie sie auf einmal überfordert, wenn sie plötzlich da ist. Manche eher wegen der erwähnten, als unproduktiv wahrgenommenen Passivität (“Ich kann einfach nicht still sitzen.”), andere, weil sie nur kommt, wenn sie alleine sind und auch Alleinsein oft nicht mehr gut ertragen wird. Wiederum andere fürchten sich regelrecht vor den Geräuschen, die ihr Kopf anfängt zu produzieren, wenn es draußen still wird - auch bekannt als Gedanken (hier fällt dann auch mal das zu Beginn erwähnte “Oh Gott!”).
Ich für meinen Teil habe Stille zu schätzen gelernt. Nicht jede Stille – aber die selbstgewählte. Denn Stille bedeutet für mich nicht, dass rein gar nichts passiert. Im Gegenteil: Stille zur richtigen Zeit und in der richtigen Dosis, wirkt auf mich belebend, auf ganz unaufgeregte Weise. Ich liebe zum Beispiel die frühen Morgenstunden, wenn es draußen noch dunkel und die Stadt noch ruhig ist. Das sind die Stunden, in denen ich am “produktivsten” bin (ja, auch ich bin nicht gefeit vor der Attraktivität dieses Zustands). Nur ich, mein Kaffee (oder 2 oder 3) und was auch immer mir in dieser Zeit am ehesten zu entsprechen scheint. Das reicht von Lesen, leichter Bewegung oder Schreiben bis hin zu sonst lästigen Admin-Tätigkeiten, spannenden Projektfortschritten oder sogar dem Umräumen kompletter Zimmer - keine Musik, kein TV, kein Messaging (ja, auch Worte können laut sein). Und mein Kopf spielt interessanterweise auch mit - noch kein drängendes “DU MUSST!”, “DU SOLLST!”, “DU WOLLTEST DOCH…”, nur sanftes “Wir könnten…”, “Wie wäre es mit…”, “Mir ist nach…”. Die Ruhe draußen und um mich herum, scheint auch meinem Hirn zu signalisieren, dass es noch nicht an der Zeit ist, mich anzutreiben und an mir herum zu nörgeln. Es weiß, seine Zeit wird nachher schon noch kommen.
Aber es gibt noch eine andere Art von Stille, die ich für mich entdeckt habe: gemeinsame Stille. Darunter fallen für mich zusammen nebeneinander her Arbeiten genauso wie Meditation in der Gruppe oder in Gedanken versunkene Spaziergänge mit anderen. Inzwischen bin ich ein regelrechter Fan von gemeinsamen Tun ohne gezwungene Interaktion. Allein die Gemeinschaft mit anderen versetzt mich in eine Art Schwingung, die mich umgibt und hält - ganz ohne Räucherstäbchen und Erleuchtung. Ich kann sowohl ganz Ich als auch Teil von etwas Größerem sein, ohne auf Worte oder Inhalte achten zu müssen. Der gemeinsame Schritt, das leichte Tippen einer Tastatur im Raum, das sanfte Blättern von Seiten am Tisch, das ruhige Atmen neben mir… Nun mag man meinen: “Claudi, das sind doch aber auch Geräusche.” Stimmt. Aber eben sanft, unprätentiös, nicht frontal und laut und unausweichlich - und vor allem nicht ablenkend und fordernd, sondern unterstützend und tragend.
Genau aus diesem Wunsch heraus ist meine “Stille Stunde” entstanden; ein Rahmen für ruhige, konzentrierte Zeit - zum Lesen, Schreiben, Planen, lang aufgeschobene Aufgaben oder einfach stilles Dasein - wir teilen nur den Raum und die Atmosphäre. Die Reaktionen auf dieses Angebot sind immer ähnlich: “Coole Idee! Aber eine GANZE STUNDE Stille??” Was uns wieder zum Anfang dieses Textes führt. Wer aber einmal dabei war, merkt schnell 2 Dinge: erstens, so eine Stunde vergeht doch ganz schön schnell und zweitens, die Stille ist zu Beginn merkwürdig, verblasst aber schnell. Die Stille wird sozusagen still; und mit ihr auch der eigene Körper und Geist. Und Hand aufs Herz: vielleicht ist genau das etwas, das wir viel öfter brauchen, als wir uns eingestehen.
Claudi
LifeCovery im Interview mit rbb24.de
23. Dezember 2025
Im Rahmen ihrer Berichterstattung über die Weihnachtsaktion gegen Einsamkeit auf nebenan.de hat der rbb 24 mit Menschen gesprochen, die am 24.12 Nachbar:innen zu sich einladen, um die Feiertage nicht alleine, sondern in Gesellschaft zu verbringen. LifeCovery war dabei :)
Claudi
